Pomßener Schreibwerkstatt 19.–20.06. 2026

Zwei Gedichte geschrieben von Wolfgang Wache während der Pomßener Schreibwerkstatt 19.–20.06. 2026 (Zeichnung Wolfgang Wache)

Morgendlicher Gruß. 

Welten aus Düften
liegen in Blütenblättern offen,
gezeichnet auf unendlichen Wegen.

Das Betasten bezeugt
die Schönheit des Duftes,
die stille Vergänglichkeit.

Dornen waren es,
Stacheln verkünden:
Achtung

So bestaunen wir
die Einmaligkeit der Schönheiten,
den Blick in die Harmonie,
die berauschenden Empfindungen.

Ein Schmetterling wandelt
im Sonnenstrahl.
Die Asphaltstraße erwärmt sich,
es riecht nach erhitztem Teer.

Menschen eilen vorbei,
vorbei am Zaun der Helle.
Sie tragen das Gewicht des Tages,
Telefonate am Ohr,
kein Blick für die Rosen.

Am Zaun trennt sich
das gut Geordnete,
vom Nicht Gesehenen
Niemand weiß;
wer den hundertjährigen Stein
gehauen hat.

Auf einem davon
lag einst eine Rose,
mit einer Grußbotschaft
an den längst Vermissten —
Rhythmus der Pflege,
Schlag des Hammers,
Vergangenheit im Staub.

Jemand grüßt im Vorübergehen,
Handy am Ohr der Zeit.
Alle Welt kennt Neuheiten,
doch nicht die Rose am Wegesrand.

Sie fühlt nicht,
was uns bewegt
in Tagen und Nächten.

Da kommen sie,
die Zukunftsmenschen,
die Wissenden,
die alles erklären können —
warum eine Rose duftet,
aber nicht,
was sie in mir berührt.

Die alte Dame am Weg
lächelt nur.
Die Leute schütteln den Kopf:
Warum ist sie so froh?

Weil sie an einem Rosenstock
vorbeiging.
Rosen muss man pflegen.
Rosen kann man kaufen.

Rosen sind das Bild
der Vergänglichkeit
und der Schönheit.
Sie spannen ein Sein
über alles,
was uns Freude ist.

Und da —
auf einem Sonnenstrahl —
tanzt die Zukunft.

Ein Tänzer tritt hervor,
eine Rose im Mund.
Am anderen Ende
steht ein Mädchen.

Er geht auf sie zu,
verliert kurz den Halt,
und seine Rose fliegt
in hohem Bogen
in ihre Hand.

Der seltenste Moment
fällt herab —
und beide lachen.

Meine Gedanken zu meinem Gedicht.
Wenn ich Morgendlicher Gruß schreibe, dann gehe ich nicht einfach durch einen Tag. Ich betrete einen Raum, der nur mir gehört – einen Weg, der nicht von äußeren Dingen bestimmt ist, sondern von dem, was in mir lebt. Schönheit ist für mich nichts, das man besitzt oder bewertet. Sie ist etwas, das mich trifft, mich bewegt, mich verwandelt. Etwas, das mich innerlich weitergehen lässt.
Ich bin in diesem Gedicht – wie so oft – ein Einzelgänger. Nicht, weil ich allein sein müsste, sondern weil ich so schaue, wie ich schaue. Ich wandere durch meine Gefühlslandschaften, durch Wege, die verschlungen sind und die nur ich kenne. Die Rose, der Duft, der Schmetterling, der alte Stein – das sind für mich keine Gegenstände. Das sind Stationen meiner Wahrnehmung, Zeichen, die mir etwas zuflüstern.
Schönheit als Spur
Schönheit ist für mich keine Idee. Sie ist eine Spur, die ich lese. Sie liegt im Duft einer Blüte, im warmen Asphalt, im Staub eines alten Steins, im Lächeln einer alten Dame am Weg.
Ich nehme die Welt nicht als etwas Getrenntes wahr. Sie klingt in mir. Was ich sehe, ist immer auch das, was in mir mitschwingt. Darum finde ich Schönheit dort, wo andere achtlos vorbeigehen. Darum bleibe ich stehen, wenn eine Rose blüht, während andere nur ihr Handy ans Ohr drücken.
Der Einzelgänger, der sieht
Ich gehe oft abseits der Wege. Nicht, um anders zu sein, sondern weil ich anders schaue. Ich sehe die Rose am Zaun, den Stein, den niemand mehr beachtet, die Grußbotschaft an einen Vermissten, die längst verweht ist.
Diese Dinge sprechen zu mir. Sie erzählen Geschichten, die leise sind, aber tief.
Ich schreibe aus dieser Haltung heraus – aus einer Aufmerksamkeit für das Kleine, das Übersehene, das scheinbar Unwichtige. Für mich ist das der Ort, an dem das Wesentliche wohnt.
Vergänglichkeit als Teil der Schönheit
In meinem Gedicht ist Schönheit nie ohne Vergänglichkeit. Die Rose duftet – und vergeht. Der Stein bleibt – und wird doch vergessen. Der Tänzer verliert die Rose – und gerade dadurch entsteht der seltene Moment.
Für mich lebt Schönheit im Augenblick, im Fallen, im Vergehen. Sie lässt sich nicht festhalten. Sie ist ein kurzer Glanz, der nur sichtbar wird, wenn man bereit ist, ihn wieder loszulassen.
Der seltene Moment
Am Ende des Gedichts fällt „der seltenste Moment“ herab. Für mich ist das der Kern: Schönheit lässt sich nicht erklären. Sie lässt sich nur erleben.
Die Zukunftsmenschen können sagen, warum eine Rose duftet – aber nicht, warum sie mich berührt.
Schönheit ist ein inneres Ereignis. Ein Zusammenfallen von Welt und Gefühl. Ein Augenblick, der nicht wiederkommt.
Und genau solche Augenblicke sammle ich in meinen Gedichten.
Meine Poesie als Weg
Morgendlicher Gruß ist für mich eine Wanderung durch meine eigene Empfindsamkeit. Ich gehe durch die Welt wie durch ein inneres Gelände, in dem jeder Duft, jeder Stein, jede Rose eine Bedeutung trägt.
Ja, ich bin ein Einzelgänger – aber einer, der mit offenen Sinnen geht.
Schönheit ist für mich kein Besitz. Sie ist ein Erlebnis. Und meine Gedichte sind die Orte, an denen ich dieses Erlebnis festhalte, bevor es wieder vergeht.

Gedicht 2 inspiriert durch das Gedicht von Hilde Domin, was zum Gedichtband „Nur eine Rose als Stütze“ (1959) gehört und dort denselben Titel wie der Band trägt.

Hier mein Text dazu von mir – Wolfgang Wache:
Bewusstsein balanciert
in der Manege der Höhe,
wo Gaukler atmen
und Träume schwingen.

Auf dem Trapez der Nacht
wiegt sich mein Herz,
eine weiße Rose
im Knopfloch des Weißclowns.

Ich steige die Himmelsleiter,
Stufe für Stufe
aus Fantasie gezimmert,
und höre das leise Klingen
meiner eigenen Schritte.

Ich ahne den Sturz
in die Stummheit,
wenn die Holme nachgeben
und die Vergangenheit
wie Frost zurückkehrt.

Die Alten wussten:
Nach Wärme kommt Kälte.
Nach Applaus
der leere Raum.

Manchmal setze ich mir
die Clownsnase auf,
mache alles richtig falsch
für ein einziges Lachen,
jongliere mit Schein
und Spiegelungen.

Dann bemale ich meine Träume
mit Zuckerfarben,
Himbeergeschmack
auf der Zunge der Nacht.

Und immer wieder
gaukelt mein Herz sich vor,
die Himmelsleiter
sei ein roter Teppich –
wertvoller
als alles auf der Welt.

So wiege ich mich
in der Vorstellung,
dass die weiße Rose
mich hält,
wenn ich falle.

Meine Gedanken zum zweiten Gedicht.
In meinem Gedicht Bewusstsein balanciert öffne ich eine Bühne, die weniger ein äußerer Ort ist als ein innerer Raum. Ich schreibe aus einer Welt, die sich für mich seit meiner Jugend – seit meinem vierzehnten Lebensjahr – als Heimat meiner Fantasie erwiesen hat. Die Himmelsleiter, die darin auftaucht, ist kein zufälliges Bild. Sie ist ein Lebenssymbol, ein innerer Kompass, der mich begleitet, trägt und manchmal auch herausfordert. In dieser Rezension spreche ich bewusst in der Ich Form, weil meine Gedichte immer auch Selbstgespräche sind, Spiegelungen meiner eigenen Existenz.
Die poetische Bühne als Selbstentwurf
Wenn ich schreibe, erschaffe ich mir eine Bühne, auf der ich Regisseur, Darsteller und Zuschauer zugleich bin. Das Gedicht zeigt genau diesen Prozess: Ich steige die Himmelsleiter hinauf, setze mich auf ein Trapez, jongliere mit Schein und Spiegelungen. Diese Bilder sind keine Flucht aus der Realität, sondern meine Art, sie zu gestalten. Ich bestimme, welche Rolle ich spiele – ob Clown, Gaukler oder Träumer.
Literaturwissenschaftlich betrachtet ist dies eine Form der poetischen Selbstermächtigung: Ich entwerfe mich in meinen Texten neu, um mich besser zu verstehen. Die Bühne wird zum Ort der Selbsterkenntnis, der Clownsnase kommt die Funktion eines Erkenntnisinstruments zu. Indem ich „alles richtig falsch“ mache, löse ich mich von Erwartungen und nähere mich meiner eigenen Wahrheit.
Fantasie als Lebensraum
Meine Gedichte sind Fantasiewelten, aber für mich sind sie real. Sie sind nicht bloß poetische Konstruktionen, sondern Erfahrungsräume. Die Himmelsleiter ist nicht nur ein Bild, sondern ein Symbol, das mich durchs Leben begleitet hat. Vielleicht hat sie mir sogar den einen oder anderen Psychologen erspart, weil ich in ihr eine Form der inneren Ordnung gefunden habe.
In der Literaturwissenschaft spricht man hier von symbolischer Autobiografie: Die äußeren Ereignisse treten zurück, während innere Bilder die Funktion von Lebensdaten übernehmen. Die weiße Rose, das Trapez, die Manege – sie sind Stationen meiner inneren Biografie.
Der Clown als Selbstfigur
Der Weißclown, der in meinem Gedicht auftaucht, ist eine Figur, die mich seit langem begleitet. Er ist verletzlich, ernst, und doch voller Poesie. Wenn ich mir die Clownsnase aufsetze, tue ich das nicht, um mich zu verstecken, sondern um mich zu zeigen.
Der Clown ist für mich eine existenzielle Figur: Er erlaubt mir, meine Widersprüche auszuhalten – das Lachen und die Melancholie, die Höhe und den drohenden Sturz. In der Literatur wäre dies eine Form des poetischen Maskenspiels, das nicht täuscht, sondern enthüllt.
Der Sturz und die Rose
In meinem Gedicht ahne ich den Sturz, die Stummheit, die Kälte. Doch gleichzeitig halte ich an der Vorstellung fest, dass die weiße Rose mich auffängt. Diese Spannung zwischen Absturz und Halt ist ein zentrales Motiv meines Schreibens.
Es ist die Dialektik des Lebensgefühls, die ich poetisch ausdrücke: Die Angst vor dem Fallen und die Hoffnung, gehalten zu werden. Die Rose wird zum Symbol des Vertrauens in mich selbst.
Ich bin mein Bestimmer
Vielleicht ist dies der wichtigste Satz, der zwischen den Zeilen steht. Ich schreibe Gedichte, weil ich in ihnen mein eigener Bestimmer bin. Ich erschaffe mir Räume, in denen ich mich frei bewege, in denen ich lachen, träumen, balancieren und stürzen darf.
Die Literaturwissenschaft würde dies als autopoetische Selbstbehauptung bezeichnen: Ich schreibe, um mich zu entwerfen, um mich zu schützen, um mich zu verstehen.
Schlussgedanke
Bewusstsein balanciert ist ein Gedicht, das meine innere Welt sichtbar macht. Es zeigt, wie ich mit Bildern, Symbolen und Fantasie meine Lebenswirklichkeit forme. Für mich ist Schreiben kein Hobby, sondern ein Lebensinhalt. Ich bin Regisseur meiner inneren Manege – und wenn ich falle, hoffe ich darauf, dass die weiße Rose mich hält.